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Was dem Berliner sein Kiez ist, das nennt der Wiener sein Grätzl. Da wie dort umfasst diese kleinste städtische Einheit meist mehrere Häuserblöcke, entzieht sich jedoch jeder offiziellen Grenzziehung. Eine amorphe urbane Einheit, die der Quartiersforscher Olaf Schnur als „‚gefühlte‘ sozialräumliche, alltagsweltliche Kategorie‘ definiert und welche gerade in diesem Unkonkreten für die Organisatoren der neuen Wiener Stadtteilplattform ‘imGrätzl’ eine größere Herausforderung darstellte.

Nach der Pilotphase des ‚Facebook auf Gehsteigniveau‘ in einzelnen Grätzln des 2. Wiener Gemeindebezirks, galt es plötzlich an die 150 Grätzl für die ganze Stadt zu definieren, als es daran ging, die Plattform zu erweitern. Dass sich dabei gewisse Unschärfen ergeben, liegt in der Natur der Sache, lässt sich aber durch die aktive Teilnahme der tatsächlichen Grätzl-Bewohner einfach adaptieren. Sie können die Plattform kostenlos zur Ankündigung von Veranstaltungen und sozialen Initiativen nutzen. Nachbarschaftliches Engagement für mehr Lebensqualität im unmittelbaren Umfeld steht dabei im Vordergrund.

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Nach der erfolgreichen Pilotphase kündigt sich gerade eine doppelte Erweiterung der Plattform an. Geographisch, eben auf die ganze Stadt, und inhaltlich, da nun auch eine kommerzielle Nutzung als Werbeplattform angedacht wird. Das Besondere daran: investierte Werbegelder, fließen zur Hälfte wieder zurück ins Grätzl und können von Initiativen vor Ort in die Stadtteilarbeit investiert werden. Ein ambitionierter Plan, mal sehen, wie’s läuft, denn auf die Auswirkungen der Kommerzialisierung darf man gespannt sein. In jedem Fall aber ist das Engagement des Einzelnen gefragt, und in einigen Grätzln klappt das schon ganz hervorragend. Im Stuwerviertel etwa, das durch die Praternähe immer stark mit dem Rotlichtmilieu assoziiert war und jetzt mit dem Zuzug junger Familien aufzuleben beginnt, oder im Karmeliterviertel, wo orthodoxe jüdische Tradition und hippe Urbanität auf Tuchfühlung gehen.

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Dort hat das Grätzl-Modell auch schon in einer anderen Ausprägung Schule gemacht, als Namensgeber und Lifestyle-Theme für das neu eröffnete Grätzlhotel am Karmelitermarkt nämlich. Ausgehend von dem bereits etablierten Modell der ‚urbanauts‘, welche Gäste-Appartements in leerstehenden Geschäftslokalen verteilt in der ganzen Stadt untergebracht hatten, ist hier ein Hotel bestehend aus 7 Suiten entstanden, die sich um das Rezeptions-Cafe im ehemaligen Lampengeschäft gruppieren und ein unmittelbares Stadterlebnis garantieren. Das Interior-Design stammt von den renommierten BWM-Architekten und entwickelt dank diverser Upcycling- und Vintage-Ideen einen ansprechenden Hipster-Charme. Wohnen und Schlafen Aug in Aug mit dem Trottoir und was man gemeinhin als Hotelservice erwartet, bietet das Grätzl rundum: jeden Morgen wo anders frühstücken, am Markt für’s Abendessen einkaufen, ums Eck in die Sauna oder einfach in der Fensternische lümmeln und städtisches Treiben schauen …

p.s.: Für Hotelgäste mit größerem Ruhebedürfnis gibt’s auch Suiten, die sich zum Hof hin orientieren.

ImGrätzl  Plattform

Grätzlhotel Karmelitermarkt

BWM Architekten Grätzlhotel

Fotos: Grätzlhotel, Heidrun Henke

 

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