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Wie zwei Architekten des Roten Wien in einer niederösterreichischen Landgemeinde den katholischen Pfarrhof zum sozialistischen Rathaus umwandelten und damit bis nach Amerika strahlten.

Bis ins Jahr 1925 zierte eine barocke Wolken-Madonna die Fassade des Gebäudes in der Mannersdorfer Hauptstraße. Zwei Jahre später sah eine expressionistische Mutter-Kind-Gruppe auf die Passanten herab. Der frühere katholische Pfarrhof war in der Zwischenzeit dank der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung von Alfons Hetmanek und Franz Kaym, namhaften Wiener Architekten, die sich sowohl beim Gemendebau als auch in der Siedlerbewegung einen Namen mache konnten, zum Rathaus umgebaut worden und auch die Bauplastik hatte ein Mitglied des Wiener Künstlerhauses entworfen.

Der Pfarrhof bestand aus zwei mit einer schönen Barockpforte verbundenen Gebäudeteilen, die für die Nutzung zu groß und nicht wirklich geeignet waren. Deshalb erwarb die Marktgemeinde die Liegenschaft, um sie zum neuen Rathaus zu machen. Im Gegenzug dafür sollte der abgewanderte Pfarrhof in einem neu zu errichtenden Gebäude im Garten des Grundstücks seine Heimstatt finden.

Als Architekten holte man Alfons Hetmanek und Franz Kaym, die in Wien ein Büro betrieben und schon einiges im Roten Wien gebaut hatten. Gut möglich, dass Kaym als gebürtiger Moosbrunner über seine Heimatbeziehungen den Auftrag an Land gezogen hatte. Ihr Konzept sah die Erhaltung des wertvollen Altbestandes und die Errichtung eines Turms vor, der zum neuen Wahrzeichen Mannersdorfs werden sollte. Insbesondere das Eingangsportal, das die Kunst- und Architekturzeitschrift „Österreichische Bau- und Werkkunst“ 1925 im Rahmen der Würdigung des neuen Rathauses als „sehr liebenswürdiges Werk des ländlichen Barock“‚ pries, sollte im Sinne des Heimatschutzes erhalten werden und dient quasi als Sockel für den mit seinen glatten Flächen mittelalterlich anmutenden Turm. Die Überleitung von Alt und Neu gelingt durch die Steinskulptur des Bildhauers Ferdinand Opitz (1885-1960), die das Glatte und das Bewegte in sich vereint. Opitz hatte den Gipsentwurf geliefert, die Ausführung lag in den bewährten Händen des einheimischen Steinmetzmeister und Bildhauer Martin Hof (1890-1948).

Zur Vereinheitlichung des Altbestandes hatten die Architekten eine einfache Maßnahme gewählt. Durch die Umwandlung der linken Dachkonstruktion vom Sattel- zum Walmdach konnte das gesamte Ensemble zusammengefasst und die Gesamterscheinung beruhigt werden. Erhalten wurden die beiden gemauerten Dachbodenfenster, deren Vorderseite aus Stein gehauen ist und eine weitere Besonderheit darstellt. Hinzu kamen der Balkon und zusätzliche Fensteröffnungen im Erdgeschoss sowie die charakteristischen kugelförmigen Poller auf der niedrigen Umfassungsmauer

Und wie war das jetzt mit Amerika? Die in Boston erscheinende Tageszeitung „Christian Science Monitor“ kommt 1926 bei der Architekturkritik geradezu in Schwärmen: „The fascinating old arch and pure ba

 

roque decoration superimposed above it are preserved. The grilled windows are kept. There must be a clock tower, said the village fathers, and a balcony leading off the council chamber from which presumably, on great occasions the populace of Mannersdorf might be addressed. So the tower is there with dignified lines adequately preserving the old atmosphere. And the balcony, intimate enough to be sure, has also been supplied those.“

Auf eben diesem Balkon kamen diverse Politiker beim Redenschwingen zum Stehen, u.a. auch der Nationalratsabgeordnete Franz Parrer, als am 23. Februar 1926 das Elektrizitätswerk eröffnet wurde, das hinten im Hof untergebracht worden war. Da erstrahlte die Fassade des Rathauses und damit ganz Mannersdorf erstmals im elektrischen Licht.

Durch Um- und Zubau gewannen die Architekten auch 10 Wohnungen, die bis heute bestehen. Die im Haupttrakt befindlichen Kanzleien, das Bürgermeisterzimmer und der Sitzungssaal waren hingegen nur bis 1952 in Betrieb. In den Nachkriegsjahren wurde das frisch renovierte Schloss zum neuen Sitz der Gemeindeverwaltung. Das nun „alte“ Rathaus blieb als bedeutendes Beispiel der Architektur der „Klassischen Moderne“ erhalten.

Abbildungen: Sammlung Stadtmuseum Mannersdorf

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