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Vom Sprenghof übers Parlament zur Waidmannsrast. Der ursprüngliche Grund für Franz Parrer, ins niederösterreichische Mannersdorf zu kommen war ein romantischer. Womöglich war auch ein wenig Geschäftssinn dabei, als er die junge Witwe Katharina Buchberger 1899 ehelichte. Sie war die Mutter zweier kleiner Halbwaisen (Franz *1894, Katharina *1897) und Besitzerin des ‚Sprenghofs‘, eines seit 1594 bestehenden Gutshofes vis à vis des schon von Maria Theresia gerne besuchten Schlosses, vor dessen Toren in früheren Zeiten der Pranger gestanden hatte. Mit dem neuen Mann kam ein frischer Wind in die Unternehmungen und innerhalb weniger Jahre hatten die beiden einen florierenden landwirtschaftlichen Betrieb samt Gasthof als beliebte Sommerfrische-Destination ausgebaut.

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Der 1875 geborene Parrer stammte selbst aus einer Weinviertler Land- und Gastwirtsfamilie, nach Absolvierung von Volksschule und intensiven Privatstudien in Sachen Landwirtschaft hatten sich aber schon früh seine große fachliche Kompetenz und sein politisches Talent gezeigt, die nach einer größeren Bühne verlangten. Sein Einstieg als christlich-sozialer Politiker gelang 1911 mit der Wahl zum Abgeordneten im niederösterreichischen Landtag und Reichsratsabgeordneten, worauf viele Jahre intensiver politischer Tätigkeit folgten. Als Obmann zahlreicher Vereine von der Pferdezucht bis zum Weinbau, als Präsident des Landesmusterkellers, als Bezirksschul- und Fürsorgerat sowie Ehrenbürger von 23 Gemeinden reichte sein Wirken weit über die Grenzen Mannersdorfs hinaus, wo er von 1913-1916 im Gemeinderat saß und von 1916 bis 1918 als Bürgermeister fungierte.

Nach dem ersten Weltkrieg zunächst in das Direktorium für Volksernährung bestellt, war Parrer auch an der Schaffung der Bundesverfassung der ersten Republik beteiligt und mit der Angliederung des Burgenlandes an Österreich befasst. Eine Zeit, als die fortschrittlich liberale Wochenzeitschrift Der Morgen wahre Lobeshymnen auf ihn schrieb: ‚Er soll uns in dem Glauben, dass es doch noch immer anständige Menschen gibt bestärken‘ liest man da im Juli 1919 und weiter: ‚…dass nur die über den Parteien stehende Menschlichkeit das einzige Ziel wirklicher Politiker sein darf‘. Zahlreiche parlamentarische Wortmeldungen und schriftliche Veröffentlichungen zeichnen ihn als aktiven Fürsprecher des Bauernstandes aus, der über den Tellerrand zu sehen vermochte: ‚Ich wär ein Lump wenn ich als Bauer nicht alles daran setzte, den notleidenden Städtern zu helfen‘. Zahlreiche Ehrungen wie die Verleihung der Titel Kommerzial- und Ökonomierat zeugen von der Wertschätzung, die er von höchster Stelle erfuhr.

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Seine politische Laufbahn umspannte die Regierungszeit zweier Kaiser – Franz Joseph I. und Karl I., von 17 Bundesregierungen unter Breisky, Mayer, Ramek, Renner, Schober, Seipel, Streeruwitz und Vaugoin, bis hin zur Ausschaltung des Parlaments im Ständestaat. Da hatte er Mannersdorf allerdings bereits den Rücken gekehrt.

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Mit dem Tod seiner Gattin 1932 und der Übergabe des Sprenghofes an seinen Stiefsohn Franz Buchberger, war das Kapitel Mannersdorf endgültig abgeschlossen. Neben seinem Wohnsitz im 5. Wiener Gemeindebezirk verbrachte er da bereits den Großteil seiner Zeit am Semmering, genaugenommen in der Villa Waidmannsrast, wo seine Lebensgefährtin Emilie Steiner eine beliebte Ausflugsstation betrieb. Am Semmering sollte Parrer im Jahr 1944 auch seine letzte Ruhe finden.

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Erscheint in der Reihe: Mannersdorfer Geschichten, 2020
Dank an Ava Pelnöcker, Michael Schiebinger, Hans Schwengersbauer, Karl Tschank

Abbildungen: Sammlung Schutzbier, Archiv Karl Tschank, Topothek Leopold Syrch, Der Bezirksbote für den politischen Bezirk Bruck a.d. Leitha.

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