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Letztes Jahr als Stadtschreiberin in Waifdhofen an der Ybbs – jetzt liegt das Ergebnis in gedruckter Form vor. Das ‘Buch vom Land’ versammelt ‘Kreative Köpfe und g’scheite Gemeinden ‘ aus ganz Österreich und ist hier erhältlich: Das Buch vom Land

Die Ergebnisse im Speziellen der Waidhofener Designsafari  sind hier nachzulesen – erst in Form eines Kurztextes, dann in der Langversion …
Eine Bürger-Land-Stadt mit ungebrochenen Visionen
Kreatives Potenzial und historisches Erbe in Waidhofen an der Ybbs

Coworking-Space, Pop-up-Store, Radlobby, Clubbing und Bürgerbeteiligung, Bioprodukte und nachhaltige Stadtentwicklung, alternative Pädagogik und lebendige Musikkultur, junges Design und wertvolle Historie. Die Liste nimmt kein Ende. An kreativem Potential, so viel ist nach wenigen Tagen vor Ort sicher, mangelt es in Waidhofen an der Ybbs, der selbstbewussten Bürgerstadt, die durch ihre Rolle als Hot Spot der Eisenstraße schon im Mittelalter zu Ansehen und Reichtum gekommen war, gewiss nicht. Nun, nachdem die großen Zeiten der Ybbstaler Hammerherren längst vorbei sind, hat die Stadt in den letzten beiden Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung vorgelegt.

Die Zeitläufe von Industrialisierung, Krieg und Strukturwandel hatten auch in Waidhofen ihre Spuren hinterlassen. Ende des 20. Jahrhunderts war von der einst florierenden Handelsstadt lediglich ein Marktplatz verblieben, der wie überall an Leerstand krankte. Damals schon sprossen kreative Ideen aus dem historischen Boden, die durchaus als visionär zu bezeichnen waren und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden. Es waren Ideen für die Entwicklung von Stadt und Land, für jene zwei Komponenten also, die Waidhofen spätestens seit der Vereinigung mit den umliegenden Landgemeinden im Jahr 1972 prägen und befruchten.

Die trotz Bürgerprotest durchgesetzte architektonische Gestaltung des Stadtplatzes durch den gebürtigen Waidhofener Architekten Ernst Beneder legte den Grundstein für spätere nachhaltige Stadtentwicklung und zog für die Stadt den renommierten Otto-Wagner-Städtebaupreis an Land. Bis heute ist zeitgenössische Architektur in Waidhofen – ob in Form von minimalistischen Gebäuden im Dialog zur denkmalgeschützten Bausubstanz oder zentral gelegenen Brunnen, die wieder abgebaut werden mussten – ein heikles Thema, aber auch ein immer wieder anspringender Katalysator für Neues und Innovatives.

Eine weitere kreative Großtat Waidhofens ist dem Ansporn der Landesausstellung 2007 zu verdanken. Im Gegensatz zu manch anderem Schauplatz solcher Großveranstaltungen war die Ausstellung hier Anstoß zu einer Initiative, die nicht auf kurzfristige Event-Kultur, sondern auf die Wiederbelebung vorhandener Strukturen setzte. Als Pionierstadt der Ortskernerneuerung wurde hier neben der Hollein’schen Landmark ein wertvolles Fundament für die wirtschaftliche Entwicklung geschaffen, die den Leerstand der Innenstadt umkehren und das historische Zentrum nachhaltig mit neuem Leben erfüllen sollten. Auch nach dem Verebben des Ausstellungs-Hypes hielt die Evolution der sich langsam belebenden Geschäftslokale im Ortskern an.

Da waren viele kreative Köpfe am Werk – von der Politik und Verwaltung über Handelstreibende und Gastronomen bis hin zu Künstler, Planern und Wissenschaftern. Nicht zu vergessen die zahlreichen mittelständischen Unternehmen im Ort. Die bevorzugte Lage der Stadt – der Nebel bleibt ja bekanntlich immer hinterm Sonntagberg zurück, und die Ybbs-Schlucht hat nicht nur malerische Aspekte für die Lebensqualität zu bieten – hat in den engen Tälern auch diversen Fehlentwicklungen wie etwa dem geplanten Shoppingcenter am Stadtrand einen geografischen Riegel vorschoben.

In Waidhofen, so scheint es, hat man manche Dinge schon umgesetzt, bevor sie woanders überhaupt erst angedacht wurden. Allein diese Entwicklung hat auch zu einer gewissen Zufriedenheit geführt, in der man so manches Defizit leicht übersehen kann. Deshalb ist es auch gut, dass sich jetzt eine neue Generation auf den Weg in die Zukunft macht, dass die ersten Weichen schon gestellt sind. Kreatives Potential gibt es genug, kreative Herausforderungen ebenso.

Die Stadtentwicklung hat jetzt auch das Wohnen sowie alternative Verkehrskonzepte im Fokus und einige innovative Methoden im Angebot. Am ehemaligen Bene-Areal im Stadtteil Zell (der Möbelhersteller ist längst diesseits der Ybbs übersiedelt) ist ein neues Zentrum im Entstehen, Verdichtung und Durchmischung werden die Kernthemen der kommenden Jahre sein. Die kreative Szene, die hier Einzug halten könnte, muss sich erst noch herauskristallisieren. Hier braucht es Rahmenbedingungen Freiräume für neue Ideen. Auch die Ybbstalbahntrasse und das Rothschildschloss brauchen dringend neue Tourismuskonzepte. Das malerische Flussbett birgt jede Menge Potential. Die Kulturszene bietet bereits ein breites Spektrum mit höchster Qualität, die aber erst noch in die Welt hinaus posaunt werden muss. Auch Geschichte und Tradition könnten frischen Wind vertragen. Und den werden sie, wenn es nach dem neuen Leiter der Stabstelle Stadtentwicklung Josef Lueger geht, auch bekommen.

Erfolgreiche Beispiele machen Schule. So wie etwa die einst als Spinner verschrienen Hoflieferanten, die heute als Pioniere der Landwirtschaft gelten und es bis in die großstädtischen Feinkostläden geschafft haben. Oder, wie es eine hellsichtige Waidhofenerin trotz mühsamer Alltagserfahrungen in der engagierten Stadtarbeit der Jugend mit auf den Weg gegeben hat: „Lasst nicht ab von den Visionen! Runterbrechen könnt ihr sie immer noch, ein bisschen Farbe darf schon sein im Schwarz-Weiß!“

 

Geglückte Maßstäbe, glückliche Visionen.
Waidhofen an der Ybbs.

Coworking Spaces, gemeinhin als fruchtbare Biotope kreativer Köpfe gehandelt, sind als Trend der letzten Jahre aus der Kreativwirtschaft der Großstädte nicht mehr wegzudenken. Und auch in Waidhofen, der selbstbewussten Bürgerstadt an der Eisenstraße im Ybbs-Tal, hat sich ein erster Coworking Space etabliert und als „Kreativquartier“ benannt. Die drei Mieter sind denn auch tatsächlich aus der Branche.

Auf der Suche nach der Kreativität ist man hier am rechten Ort, denn „gar so viele Kreative gibt’s in Waidhofen auch wieder nicht“, wie Antonia Pichler mit leisem Lächeln anmerkt. Die attraktive Dreißigerin, die gerade ihr erstes Kind erwartet, ist die Inhaberin der Kommunikationsagentur KOMM.POTT. Als gebürtige Waidhofenerin hat sie in Wien studiert und in mehreren Agenturen ihr Handwerk professionell gelernt, ehe sie ins heimatliche Mostviertel zurückkehrte, um hier Kunden aus der Tourismus- und Biobranche zu betreuen. Mit dem Markenkonzept Waidhofens hat sie sich beruflich intensiv beschäftigt. Eine der größten Herausforderungen der Stadt aber, die historischen Mauern mit neuem Leben zu erfüllen (auch Leerstandsproblematik genannt), kennt sie als Mieterin aus eigener Erfahrung.

Waidhofen blickt auf eine stolze Stadtgeschichte zurück. Im Jahre 1186 erstmals erwähnt, erfolgte im 13. Jahrhundert der erste geplante Stadtausbau. Strategisch günstig und geographisch reizvoll auf einer Terrasse gelegen, deren Sockel in die schluchtartigen Flussläufe von Ybbs und Schwarzbach steil abfällt, entstand damals schon die typische Anlage von oberem und unterem Stadtplatz, auf dem sich heute das Kreativquartier eingemietet hat.

Mit Beginn des Eisenabbaus startete auch der wirtschaftliche Höhenflug der Stadt, und zwar als Zentrum der Eisenverarbeitung. Im 15 Jahrhundert sind an die 200 Schmiedebetriebe hier am Werke. Selbst der mittelalterliche Dichter Neidhart von Reuental singt ein Minnelied auf das Waidhofener Schwert. Mit Glaubensspaltung und Gegenreformation jedoch beginnt der Niedergang der Eisenproduktion und damit auch die erste Leerstandswelle in der Stadt. Durch die Vertreibung protestantischer Schmiedefamilien standen plötzlich zahlreiche der stattlichen Häuser leer. Ein Phänomen, das sich rund 400 Jahre später durch Strukturwandel in Handel und Gewerbe wiederholte und, um den Stadtkern wiederzubeleben, erst einer großen Portion an Kreativität und Engagement bedurfte.

Richard Abfalter, der Zweite im Kreativquartier, hat mit seiner Eventagentur „passion and style“ so etwas wie urbane Clubkultur nach Waidhofen gebracht. Mit den Crystal Clubbings im Rothschildschloss lockt er allmonatlich an die tausend Besucher in den Kristallsaal, der von Hans Hollein anlässlich der Landesausstellung 2007 seine kristalline Form erhalten hat. Abfalter sieht sich als Vorreiter der Club-Kultur, vor allem aber als wichtigen Wirtschaftsmotor für die Stadt. Neben der Ankurbelung der Taxiszene, Gastronomie und Hotellerie freut er sich auch darüber, dass seine Themen-Clubbings den Handel ganz schön auf Trab bringen. Bei der „White Experience“ etwa waren die Textilhändler rundum ausverkauft, weil sich das Tanzvolk das passende weiße Outfit zulegen wollte, wie er nicht ohne Stolz berichtet.

Hans, der Innenstadtkoordinator

Für das junge Team war die Gründung des Kreativquartiers eine logische, unumgängliche Folge der Gegebenheiten vor Ort. Man hatte sich zusammengefunden, war mit dem offiziellen Angebot des Gründerzentrums RIZ nicht ganz so zufrieden und beschloss daraufhin, sich auf die Suche nach passenden Räumen zu begeben. Alleine wären sie wohl niemals an die hohen, hellen Räume im Obergeschoß des historischen Bürgerhauses gekommen. Mit der Hilfe des sogenannten „Innenstadtkoordinators“ konnte das Gesuchte schließlich gefunden werden.

„Der Hans hat uns an der Hand genommen und viel Überzeugungsarbeit geleistet,“ erinnern sich die Jungen. Hans Stixenberger ist der Innenstadtkoordinator, und seine Überzeugungsarbeit war vornehmlich bei der Hauseigentümerin gefragt, die den Leerstand einer problematischen Vermietung vorgezogen hätte. Dass Jungunternehmer nicht nur feiern, sondern brav ihre Miete zahlen und die alte, ungenutzte Bausubstanz sogar aufwerten könnten, war ein neuer Gedanke – und auch nur möglich dank jahrelanger baukultureller Vorarbeit.

Begonnen hatte alles mit der Niederösterreichischen Stadterneuerungsoffensive zur Ortskernbelebung im Jahr 2005. Waidhofen an der Ybbs war so etwas wie die Pilotstadt. Die Offensive war eine Reaktion auf den innerstädtischen Leerstand, der kurz zuvor seinen absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Rund ein Viertel der Geschäfte war damals geschlossen. Mit dem Zuschlag als Standort für die NÖ Landesausstellung im Jahr 2007 bestand dringender Handlungsbedarf, diesen Zustand zu ändern.

Dass in dieser Situation auf nachhaltige Stadtentwicklung und nicht auf kurzsichtige Eventkultur gesetzt wurde, kann nur als großes Glück bezeichnet werden. Wo andernorts Citymanager verbrannte Erde hinterlassen, hat hier eine mit Bedacht geführte Vermittlungsarbeit die bereits vorhandenen Kräfte produktiv gebündelt. Zentrale Figur dieser Stadtentwicklung war und ist besagter Stixenberger, der mit gutem Rückhalt in der Stadtpolitik seit damals erfolgreich zwei Schienen fährt. Die Strategie sucht in Österreich ihresgleichen.

Bio-Laden und Essen aus dem Emailgeschirr

Des Rätsels Lösung mag überraschen: Die eine Schiene ist die Stadtentwicklung, die andere Schiene jedoch ist die Entwicklung der Landwirtschaft. Wie jeder Bauernsohn wollte Stixenberger in seiner Jugend etwas Neues, etwas Innovatives beginnen, und dieses Neue sollte sich 1992 als Biolandwirtschaft herauskristallisieren. Gemeinsam mit fünf Mitstreitern, die ebenfalls auf Bio umsattelten, gründete er das florierende Unternehmen der Hoflieferanten, deren Produkte aus den großstädtischen Bio-Kühlregalen längst nicht mehr wegzudenken sind.

Neben der Filiale in Steyr gibt es heute am Oberen Waidhofener Stadtplatz einen Bio-Feinkostladen mit Bistro und Gastgarten, wie er jedem Bobo-Bezirk zu Ehren gereichen würde. Mit 20 Jahren Erfahrung gehören die sechs Gesellschafter zu den Pionieren der Bioszene und schaffen auf diese Weise den gar nicht so kleinen Spagat zwischen Mostviertler Deftigkeit und gesunder Vollwertküche. Die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion über die Verwertung bis hin zum Handel sind in einem Betreib vereint, der mittlerweile an die 100 Arbeitsplätze sichert.

„Angefangen haben wir mit einem Marktstandl am Wochenmarkt“, blickt Stixenberger zurück. „Dann haben wir einen ersten kleinen Laden aufgemacht, haben ein professionelles Design in Auftrag gegeben, haben ein Bio-Mobil zur Versorgung der umliegenden Ortschaften angeschafft, und so weiter. So hat alles angefangen.“ Heute ist der Bioladen am Oberen Stadtplatz ein florierender Anziehungspunkt mit urbaner Anmutung, der mittlerweile auch eine vegane Menüvariante im Tagesangebot hat. Mütter, die ihre Kids aus dem benachbarten Kindergarten abholen, Beamte aus dem gegenüberliegenden Rathaus und junge Selbständige, die sich ein gesundes Take-away über die Theke reichen lassen, laufen einander zur Mittagszeit über den Weg. Charmant nachhaltiges Detail am Rande: Den Take-Awayern wird empfohlen, ihr Essen im Menage-Geschirr aus glänzendem Email mit nach Hause zu nehmen.

Selbiges Emailgeschirr – und hier zeigt sich, dass Ökologie auch etwas mit Regionalität zu tun hat – führt in die nächste Kreativschmiede im Einzugsgebiet Waidhofens, und zwar zu den Riess-Kelomat-Emailwerken, die in vielerlei Hinsicht kreativ und nachhaltig wirtschaften. Friedrich Riess, Unternehmer des Jahres 2012 und einer der drei Chefs des Unternehmens, trifft man bei den Wirtschaftsgesprächen „mission 2050“ im Rothschildschloss. Da fragt man natürlich, wie es gelungen ist, ein mittelständisches Unternehmen erfolgreich durch die Jahrhunderte zu manövrieren und manch Wirtschaftskrise, manch Wegbrechen von Absatzmärkten, manch kulturellen Wandel zu überdauern.

Die Ursprünge der Riess’schen Töpfe liegen als Pfannenschmiede in der Eisenstraße des 16. Jahrhunderts, Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie verlegte man sich auf der Suche nach neuen Absatzmöglichkeiten auf Email, und hundert Jahre später holte man sich junge Designerinnen für eine erfolgreiche neue Produktionslinie ins Haus, mit der man als einer der wenigen verbliebenen Emailproduzenten Europas nun durchaus optimistisch in die Zukunft schaut. Zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen für Design und Nachhaltigkeit belegen das.

Das Birkenfalter-Prinzip

„Kennen sie den Birkenfalter?“ fragt Riess verschmitzt. Besagter Falter nämlich habe sich durch die Färbung seiner Flügel optimal an die helle Rinde der Birkenstämme angepasst. Genauso aber gäbe es auch den schwarzen Birkenfalter, der seine Tarnung wiederum auf dunklen Stämmen ausspielen kann. Anpassungsfähigkeit also lautet die Devise, hört man zwischen den Worten heraus. Im konkreten Fall passte man sich den aktuellen Anforderungen des Marktes an und trotzte damit den allgemeinen Wirtschaftsempfehlungen zu trotzen.

Mehr noch bewies man Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Als die Branchenempfehlung lautete, das Sortiment reduzieren, habe man das Sortiment verbreitert und den Vertrieb verstärkt. Und als die meisten Emailproduzenten längst ihre Betriebe geschlossen hatten, setzte man auf neues Design, das die altmodisch angehauchten Emailhäferln in eine neue Dimension katapultierte.

Eine wichtige Rolle dabei spielte die Vienna Design Week, die von Anfang an versuchte, junge Designer und traditionelle Handwerksbetriebe zusammenzubringen und so neue Impulse für die Wirtschaft zu generieren. Mit den Designerinnen von Dottings ist das bestens gelungen. „Truehomeware“ und „Kitchenmanagement“ sind eine frische Designlinie, die im Museum für angewandte Kunst (MAK) ebenso zu finden ist wie im Küchen-Designerladen und beim Geschirrhaus Brandl am Stadtplatz in Waidhofen.

Wo ist das Wasser?

Womit wir als wieder aufs städtische Pflaster zurückgekehrt wären. Auf ein vielfach preisgekröntes zudem, denn das Stadtprojekt Waidhofen, 1991 von Architekt Ernst Beneder realisiert, wurde unter anderem mit dem renommierten Otto-Wagner-Städtebaupreis ausgezeichnet und konnte auf diese Weise weit über die Landesgrenzen hinaus Furore machen. Bis heute zieht der Platz architekturaffines Publikum an. Einfach war es damals nicht, den als „Wiener Würfel“ bezeichneten Granit-Pflasterstein durchzusetzen, und noch heute nützen Asphalt-Fundis jeden lockeren Halbstein zum wiederholten Anzetteln der Pflastersteindebatte. Die wunderbaren Architekturfotografien von Margherita Spiluttini übrigens, für deren Herstellung seinerzeit sogar der Spritzwagen der städtischen Feuerwehr ausgerückt war, um dem regennassen Glitzern der Pflastersteine etwas nachzuhelfen, sucht man im Postkartenständer leider vergeblich.

Vergeblich sucht man auch Ernst Beneders Brunnenskulptur, die nach dem Umbau den oberen Stadtplatz zierte. Wasser spielte in Waidhofen immer schon eine prägende Rolle, und so sollte der Brunnen einerseits die Komposition des Platzes ergänzen, andererseits den Kunden und Verkäufern des dienstäglichen und freitäglichen Bauernmarktes schlicht und einfach als Wasserquelle dienen. Schon bald jedoch kam der Brunnen den Schanigärten und dem aufkommenden Auto- und Zulieferverkehr in die Quere. Bürgerproteste und Politiker besiegelten sein städtisches Dasein. Gerettet wurde er letztendlich doch noch. Der Waidhofener Büromöbelhersteller Bene erwarb den Brunnen als Leihgabe. Seither plätschert die von der Bevölkerung ungeliebte Stein- und Wassercollage am Vorplatz des Firmensitzes vor sich hin und entfaltet in Sichtweite der Mitarbeiterkantine seine Wasserspiele.

Tatsächlich ist der mitunter dramatische Wasserlauf der Ybbs, die sich als tiefe Schlucht durch die Stadt zieht, eine geografische Besonderheit, die Waidhofen bis heute auszeichnet. An ihren Ufern locken romantische Badebuchten – das Flussbad sucht man leider noch vergeblich – und in der Faßbinderei Schneckenleitner wird bereits seit 1628 der ‚Lacklhammer‘ geschwungen. Die hier produzierten Eichenfässer dienten in früheren Zeiten als Transportcontainer für Eisenwaren, heute geben sie französischen Weinen den rechten Barriquegeschmack. Einst trennte die Ybbs nicht nur die zwei Gemeinden Waidhofen und Zell, die erst seit 1972 im Zuge der großen Gemeindezusammenlegung zueinander fanden, sondern auch das Einflussgebiet des Freisinger Bistums, das Waidhofen bestimmte, während Zell nach Osten hin orientiert war. Die Zeller Hochbrücke ist – unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation und schluchtübergreifenden Verbindung – auch eines der Pionierbauwerke des frühen Eisenbetons

Mittlerweile ist der Stadtteil Zell, einige Jahrzehnte nach der Eingemeindung, auf dem Sprung, sich zum neuen Subzentrum Waidhofens zu entwickeln. Auf dem ehemaligen Bene-Firmengelände – einst war hier das gesamte Werk untergebracht, nun steht das Areal seit vielen Jahren leer – soll endlich einer neuen Nutzung zugeführt werden. 9.000 Quadratmeter Fläche lassen hochfliegende Pläne aufkommen. Mit Themen wie Tabakfabrik und Gentrifizierung im Ohr könnte man sich hier durchaus ein neues Kreativquartier vorstellen, allein die kreative Nachfrage hält sich noch in Grenzen. Gefragt hingegen ist wieder einmal der Waidhofener Ernst Beneder, der – fast scheint’s wie eine späte Wiedergutmachung – mit einer Grundsatzstudie beauftragt wurde, die eine gemischte Nutzung vorsieht. Das schlägt in die Kerbe der Verdichtung, die als Schlagwort gegen Zersiedelung, gegen hohe Erschließungskosten und gegen absterbende Innenstädte in aller Munde ist.

Das langsame Kommen der Kreativen

Ein Atelier auf der Zell jedenfalls gibt es schon, und zwar das Modeatelier der gebürtigen Ybbsitzerin und ausgebildeten Damenkleidermacherin Christa Steinauer, die mit ihrem Trachtenmoden-Label „freiwild“ im Sommer 2014 den ersten Pop-up-Store Waidhofens ins Leben gerufen hat. Nach einem Probelauf während der langen Waidhofener Einkaufsnacht war die Nachfrage so positiv, dass sie sich spontan für eine Verlängerung bis Weihnachten entschied. Der Umzug in ein neues Haus steht am Plan.

Zwischen ländlichen Traditionen und jagdbaren Wäldern darf das Trachtengewand natürlich nicht fehlen, und dafür gibt’s auch zeitgemäße, durchaus peppige Interpretationen. „Mir ist es wichtig, die Tracht für heute tragbar zu machen, denn es ist entscheidend, dass auch junge Menschen sie wieder gerne tragen“, meint Steinauer, die sich nach vielen Jahren als Bürokauffrau 2010 beruflich umorientiert und für die Kreativwirtschaft entschieden hat. Den Erfolgsfaktor sieht sie in der speziellen Qualität ihrer Entwürfe, die „mit dem Rhythmus der Stadt genauso Schritt halten, wie mit dem ruhigen Takt des Landlebens“.

Als Jungunternehmerin konnte sie auf Förderung und Zuschuss zählen und schätzt die Rahmenbedingungen, die die Stadt geschaffen hat. Mittlerweile bringt sie sich aktiv ins Stadtmarketing ein und konnte auf diese Weise bereits einige prominente Aufträge an Land ziehen – wie zum Beispiel die Einkleidung der Mostbarone, die aus ihrem Atelier kommt. Derzeit beschäftigt Christa Steinauer zwei Schneiderinnen aus der Umgebung, die für die Maßanfertigung zuständig sind. Konfektionsware lässt sie in Österreich produzieren, und auch bei den Zulieferern greift sie auf regionale Kunsthandwerker zurück. „Für ein regionales handgefertigtes Stück“, so ihre Erkenntnis, „geben die Kunden gerne mehr Geld aus.“ Demnächst, das ist der Plan, sollen vermehrt auch Herrenmodelle, spezielle Konfektionsgrößen sowie Jagdliches entstehen.

Die Rahmenbedingungen, die eine kreative Jungunternehmerin zu schätzen weiß, sind den Initiativen einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu verdanken. Um die nötigen Investition anzuregen, die für die Wiedervermietbarkeit der leerstehenden Objekte in der Kernzone Waidhofens nötig waren, mussten Politik, Handel und Hausbesitzer an einem Strang ziehen. Bei der nötigen Überzeugungsarbeit war Kreativität gefragt. Eine der Innovationen, die für den 2012 an Waidhofen vergeben Baukulturgemeinde-Preis mitverantwortlich sind, geht auf das Planungsbüro w30 Architektur zurück. Die kreativen Köpfe des Büros spielen eine zentrale Rolle in der Stadt. Vor einigen Jahren haben sie sogenannte „Hausbesitzer-Stammtische“ initiiert, wo Hauseigentümer, Politiker und Stadtmarketing in einem ungezwungenen Rahmen regelmäßig zusammenkommen, um zu diskutieren, wo so mancher Widerstand überwunden und so mancher Bauauftrag ermöglicht werden konnte.

Stammtisch für mutige Pioniere

„Mühsam aber lustvoll“, war diese Arbeit, wie die Planerin Maria Schneider berichtet, die sich für den gemeinsamen Lebensraum Stadt engagiert und auch ehrenamtlich für den Verein LandLuft tätig ist. Bei den Hausbesitzern, die in der Innenstadt wichtige Akteure sind, hat sie vor allem die Gruppe jener analysiert, die hier wohnen, die Interesse am Ort haben und die somit auch über das nötige Kapital verfügen. „Denen fehlt oft nur die Idee, und die haben wir!“ Oder, wie es der Leerstandkoordinator Hans Stixenberger formuliert: „Vernetzen und vermitteln, was andere noch nicht sehen.“

Am Stammtisch jedenfalls konnten sich bereits viele Protagonisten näher kommen und gemeinsam entscheiden, so manche Barriere für dringlich anstehende Sanierungen aus dem Weg zu räumen. Schließlich war die schlechte Bausubstanz Hauptgrund für einen Teil des innerstädtischen Leerstands. Dem Erfolg an der Initiative geht eine ordentliche Portion Überzeugungsarbeit voraus, die der Verein leisten muss, um den Hauseigentümern einsichtig zu machen, dass Investition nicht nur die Mietfähigkeit der Objekte erhöht, sondern auch eine langfristige Wertsicherung bedeutet. Das ist gelungen.

Mittlerweile konnte eine Vorbildwirkung entfaltet werden, die andere Immobilienbesitzer mit ins Boot zog. Pioniertat war dabei das Gebäude der Alten Post, die sich im Besitz der Familie Forster befindet und deren Verkehrs- und Werbetechnik-Produktion eines der 17 international agierenden Unternehmen Waidhofens ist. Ohne deren Produkte wären die österreichischen Autobahnen recht mager bestückt und beschildert. Seniorchefin Erika Forster entschied sich bereits vor 25 Jahren für die Revitalisierung des historischen Gebäudes, mit dem ein gewisser Schneeballeffekt losgetreten werden konnte. Nicht nur, dass dadurch Geschäftslokale plötzlich einfach zu vermieten waren, es konnte auch langfristig wertvolle Bausubstanz erhalten und ein Ort mit Atmosphäre geschaffen werden.

Heute befinden sich hier reizvolle Läden und Lokale. Im Innenhof finden immer wieder Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Und im Obergeschoß hat sich die Physiotherapeutin Verena Sykora eingemietet, die hier das erste kleine Yogazentrum Waidhofens aufgezogen hat. Pralles Leben in den alten Mauern! 25 Jahre später hat dieselbe Bauherrin die Sanierung eines weiteren Gebäudes initiiert, das für die vorbildliche Revitalisierung historischer Bausubstanz mit dem Niederösterreichischen Dorferneuerungspreis 2014 ausgezeichnet wurde – ein Metier, in dem sich die w30 Architekten besonders gefordert sehen.

„Schiefe Wände und verwinkelte Strukturen, darin sehen wir die Besonderheit historischer Häuser“, sagen sie. „Sanierung und Stadterneuerung ist kein lästiges Übel, sondern eine spannende Herausforderung, um anders, kreativer und innovativer zu denken.“ Das Forster’sche Gartenhaus besticht auch durch seine modernen Architektur-Komponenten. Die Gewölbe sind minimalistische Heimstatt für junge Szenegastronomie. Und der Innenhof, der von Arkaden umkränzt ist, bietet Platz für Konzerte unter freiem Himmel.

Musik, gefrorene Musik und laufende Bilder

Alt und Neu – das ist auch das Stichwort für die Musikkultur Waidhofens, die sich auf einem ungemein hohen Niveau bewegt. Überall, in Stadt und Land und in der „Kaderschmiede“ der Waidhofener Musikschule, liegt Musik in der Luft, und dass es sich dabei nicht um ein behäbiges „Umtata“ handelt, beweist schon die moderne Glasfassade des von Architekt Johannes Zieser entworfenen kubischen Musikheims in Windhag, das mit einem Giebeldachhaus aus den Sechzigerjahren eine gelungene Symbiose eingeht und angeblich einer der besten Blasmusikkapellen der Welt als Proberaum dient. Junge Musik zudem.

Die Waidhofener Stadtkapelle verfügt über 52 aktive Musiker, mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren wohlgemerkt, viele von ihnen Profimusiker, die sich hier in ihrer Freizeit sozial intonieren. Bei der Hochzeitsmesse in der Stadtpfarrkirche wird dann etwa Händels Feuerwerkmusik zum Besten gegeben, da spielen die Profis unterm Herrn Kapellmeister gegen die gotischen Kreuzrippen an, dass man von der erhebenden Musik wahrhaft durchdrungen wird. Die Basis dafür wird in der Musikschule Waidhofen gelegt, die 2008 durchaus futuristisch von Franz Sam und Irene Ott-Reinisch als kristalliner Baukörper ins historische Vorstadtbild gesetzt wurde und die mit dem Plenkersaal immer wieder auch Schauplatz für nicht nur musikalische Events ist.

Hochkarätiges bietet auch der Klangraum Waidhofen, ein arriviertes Kammermusikfestival, das vom gebürtigen Waidhofener Thomas Bieber gegründet wurde. Er holte die Hochkultur und damit auch das Wiener Publikum nach Waidhofen. Im gerade für Kammermusik akustisch hervorragend geeigneten Kristallsaal oder auch schon mal an ungewöhnlicheren Orten wie inmitten der Produktionshalle der Emailwerke finden dann Lesungen und Konzerte statt. Das Email muss warten. Für den literarisch-musikalischen Genuss lässt man mitunter glatt eine Nachmittagschicht sausen.

Musikalisch alternativer geht es zwei Stockwerke unter dem Kristallsaal zu. Im Rittersaal läuft die Club2-Konzertschiene des Kulturvereins Förderband unter der Leitung von Martin Dovali. Neuerdings wird hier unter dem Label „Kultur am/im FLUZ“ von Sonja Strasser auch eine Kleinkunstschiene etabliert. Alternativkultur bietet auch die Filmbühne, die in einem Gebäude aus den 1940er Jahren untergebracht ist, dessen Inneres eine schräge Agglomeration von diversen Stilen und Epochen ist. Da zeugen etwa bunte Bauernmalereien auf dunklem Eichengrund von längst vergangenen Tagen, die Licht- und Tontechnik jedoch, die ist tiptop.

2009 habe man in die Digitalisierung investiert, erklärt Betreiberin Ilse Welser, und so das große Kinosterben erfolgreich umschifft. Neue Bestuhlung und romantische Nischen in der letzten Reihe locken Besucher, wobei man beim Mainstream eher auf Familientaugliches setzt. Die Jugend, so Welser, ziehe es ohnehin eher ins Cineplexxx nach Amstetten. Im dunklen Saal 2, rote Samtbestuhlung inklusive, läuft gerade Ulrich Seidl’s Dokumentarfilm „Im Keller“. Die progressive Programmierung verdankt sich dem Filmclub, der einmal im Monat zum sogenannten „Filmzuckerl“ lädt.

Auf dem Holzweg mit Natur und Phantasie

Bevor sie ins Cineplexx-Alter kommen, ist es manchmal gar nicht so einfach, die Kinder aus dem Haus zu bringen, geschweige denn raus in die Natur – ein Phänomen, das auch der Land-Stadt Waidhofen an der Ybbs nicht fremd ist. Eine kreative Gegeninitiative ist der von Psychologin Judith Riegler und Pädagogin Uli Wedl gegründete Verein spür.sinn, der sich dem Abenteuer „Lernen und Naturverbindung“ verschrieben hat. Da streunt dann eine Waldläuferbande durch die Wälder, da sammeln die Kleinen Herbstgeschenke der Natur ein, da machen sich junge Lehrlinge mit Handwerkstechniken vertraut. Den Kindern gefällt’s, und nach erst zögerlichem Anlauf hat man mittlerweile bereits den Pfadfindern den Rang in der Jugendarbeit abgelaufen.

„Sinne schärfen, Aufmerksamkeit schulen, Begeisterung wecken, Zeit mit Freunden und Gleichgesinnten genießen, gemeinsam in und mit der Natur lernen und an Erfahrungen wachsen, das ist unser Anliegen“, sagt Judith Riegler. Bemerkenswerterweise knüpft diese Naturarbeit mit Kindern an eine Epoche Waidhofens an, als hier namhafte Künstler frühe Ideen ökologischer Lebensführung und alternativer Pädagogik realisierten. Ferdinand Andri, Secessionist und bildender Künstler, und sein Schüler Karl Wilhelm betrieben in Waidhofen bis 1938 die Produktion von gestalterisch wertvollem Holzspielzeug, das nicht bis ins letzte Detail determiniert war, sondern den Kindern Raum für spielerische, räumliche Phantasie ließ. Die kleine Waidhofener Werkstätte, die bis zur Jahrtausendwende noch nach Andris Entwürfen produzierte, ist auch schon Geschichte. Nur noch wenige Museumsstücke sind heute erhalten.

Der Umgang mit der Vergangenheit birgt in Waidhofen so manche Herausforderung für Kreative. Etwa die allzu streng ausgelegten Richtlinien des Denkmalschutzes für die zeitgenössische Architektur, die in einer Stadt, in deren Kernzone mehr als 70 Gebäude unter Schutz stehen, rasch an ihre Grenzen stößt. Das war nicht immer so. 1987 plante der gebürtige Waidhofener Architekt Ernst Beneder für seinen Jugendfreund Christian Stummer, Inhaber einer Medienagentur, einen modernen Dachgeschoßausbau auf dem Fundament eines historischen Bürgerhauses. Als Inspiration und visuelle Grundlage dienten damals Bilder minimalistischer Bauten des japanischen Architekten Tadao Ando. Dem Charme des Gebauten und der anhaltenden Modernität kann man sich als Besucher kaum entziehen: pyramidenförmiger Aufbau, schräge Sichtbetonwände, vielfältige Ein- und Durchblicke, Materialreduktion in Holz und Metall und Holz. Selbst Österreichs Architekturkritikerdoyen Friedrich Achleitner hat hier schon vor Begeisterung auf die Architektur angestoßen.

Wo sind die Kompromisse?

Heute bläst ein strengerer Wind vom Denkmalamt, was sich manchmal als kontraproduktiv erweisen kann. Wenn bei Verzögerungen im Begutachtungs- und Genehmigungsdschungel manch investitionswilliger Bauherr das Interesse verliert und dann manch sanierungsbedürftiger Bau dem Verfall preisgegeben wird, täte eine gewisse Kompromissbereitschaft gut. Dann könnte auch das nächste Ziel der Stadtentwicklung, einfacher realisiert werden. Und diese ist durchaus ambitioniert und auch erfolgreich.

Anstelle des von einem Investor geplanten Shoppingcenters vor den Toren der Stadt entschied sich die Stadtregierung für das Modell „Einkaufszentrums Innenstadt“, wo in der Erdgeschoßzone Handel und Gastronomie wieder üppig vertreten sind. Eine weise Entscheidung. Jetzt stehen die oberen Geschoße im Blickpunkt der Initiative.

„Vergisst man auch nur auf einen dieser Bereiche, funktioniert das ganze Gefüge nicht mehr“, wie Maria Schneider und Martin Pichler zu berichten wissen. Mitte 2014 haben sie im Auftrag von Stadt und Land eine Wohnbaustudie fertig gestellt, die auch für andere Städte als Leitfaden dienen soll. Lange Zeit, so das Fazit der Studie, hatte man sich nur auf die Handelzone fokussiert und nur auf Nutzflächenmaximierung geachtet. Das führte dazu, dass Höfe überbaut wurden und die Verbindung mit den oberen Geschoßen gekappt war. „Langfristig führt das zu einer verwaisten Innenstadt, die nur mit der Ansiedlung von Dienstleistern, Gesundheitsangeboten und Bewohnern wieder lebendig werden kann“, so Schneider und Pichler. Gelungenes Beispiel, um diesem Phänomen entgegenzuwirken, ist das multifunktionale Ärztehaus am Stadtplatz, das Galerie, Ordinationsräume und Appartements beherbergt.

Von den insgesamt 12.000 Einwohnern Waidhofens sind derzeit nur rund 500 in der Innenstadt gemeldet. Im Jahr 2020 sollen es doppelt so viele sein. So jedenfalls lauten die Pläne der Stadtarbeiter. Vielleicht hat man sich in den erfolgsverwöhnten Jahren auch ein wenig zu sehr zurückgelehnt. Nachdem die Prophezeiungen des baldigen Verebbens des Landesausstellungs-Hypes nicht eingetreten waren und sämtliche Wirtschaftsentwicklungen Waidhofens sich positiv gestalteten, war das auch nahe liegend. Aber „Stillstand ist Rückschritt“, wie es auch der junge Magistratsdirektor Christian Schneider formuliert, der jenen Generationenwechsel symbolisiert, der allerorts im Gange ist. Er sitzt in einem „offenen Rathaus“, das diesen Namen bereits trug, lange bevor er zum viel genutzten Slogan einer serviceorientierten Verwaltung mutierte.

Der Stadtentwickler und die pinke Wand

Ebenfalls im Rathaus sitz der neue Leiter der Stabstelle Stadtentwicklung. Josef Lueger hat erst kürzlich sein außergewöhnlich möbliertes Büro bezogen. Mit luftigem Büro, pinkfarbener Wand und einem Stehpult aus Euro-Paletten eilt ihm mittels Möblierung bereits ein Ruf voraus, der in den kommenden Jahren frischen Wind erwarten lässt. Als Stixenbergers Nachfolger in Sachen Stadtentwicklung wird er diesen auch brauchen. Seit ein paar Monaten steht der gebürtige Ybbsitzer, der sich früh um die Eisenstraße verdient gemacht hatte und zuletzt die Marketing-Agenden der Wiener Seestadt Aspern leitete, als „Stachel von außen“ (O-Ton Stixenberger) der Stadt zur Seite. Erst kürzlich war er bei der Entwicklung des neuen Waidhofener Markenkonzeptes im Einsatz. Er schwärmt von den vielfältigen Aspekten der Lebensqualität in Waidhofen, und so sind auch Marke und Claim, auf die man sich schließlich geeinigt hat, nur nahe liegend: „Stadt der Vielfalt, Leben voller Möglichkeiten“ wird es in Zukunft heißen.

Diese vielfältigen Möglichkeiten gilt es zu nutzen. Es gibt genügend Handlungsbedarf. Das Rothschildschloss benötigt dringend ein neues Tourismuskonzept, ebenso gehört auch die Schulstadt Waidhofen, die mit zahllosen Schüler und Absolventen der mittleren und höheren Schulen über großes kreatives Potential verfügt, regional eingebettet. Lueger pocht auch auf das Potential des derzeit leerstehenden Bene-Areals in Zell und sieht das Vernetzen und Nutzen vorhandener Möglichkeiten als vorderstes Ziel. Mit Mut zum Experimentieren und mit freien Räumen, die auch das Nicht-Perfekte zulassen, sei man auf dem richtigen Weg.

Das alles erzählt er auf der Terrasse des Schlosshotels, das als Leitbetrieb in Sachen Seminar- und Geschäftsreisen gilt, mit Blick auf das Rothschildschloss, das die wohl markanteste kreative Intervention Waidhofens birgt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie mit einem weltberühmten Namen verbunden ist. Architekt Hans Hollein hat dem Schlossturm im Zuge der Umbauten für die große Landesaustellung 2007 einen gläsernen Kubus aufgesetzt und der Stadt damit zu einem neuen Wahrzeichen verholfen, das für einen mutigen Umgang mit der Vergangenheit spricht. Man mag auf den Bilbao-Effekt spekuliert haben (der Kristallsaal, die gläserne Aussichtswarte und auskragende Balkone haben durchaus spektakuläre Qualitäten), Hollein aber ging’s um mehr. Im Gespräch mit August Sarnitz in Jahr 2008 strich er auf die Frage nach dem Umgang mit dem Historischem die „kulturelle Verantwortlichkeit einer Stadt“ hervor, „die Geschichte hat.“

Eine gläserne Krone für das Schloss

Steigt man im Hollein-gekrönten Schlossturm die engen Treppen empor, so findet sich Etage um Etage gruseliges Anschauungsmaterial zu einem fernen Teil der Stadtgeschichte. Historische Foltermethoden werden da aufgezeigt, eine realistisch inszenierte Kerkerzelle gibt einem prominenten Gefangenen das Wort, der im 16 Jahrhundert der Gegenreformation zum Opfer fiel. Eine andere Epoche der Waidhofener Stadtgeschichte harrt noch der Aufarbeitung: Zwischen 1939 und 1943 war das malerische Windhag, das heute durch sein Musikheim vorbildliche Transparenz beweist, Ort des nationalsozialistischen Umschulungslagers Sandhof. Dieses Kapitel ist zwar historisch gründlich aufgearbeitet, in den Alltag des Ortes ist diese Aufarbeitung jedoch noch nicht vorgedrungen. Eine Gedenktafel sucht man (derzeit noch) vergeblich. Im Umgang mit der Vergangenheit wäre hier etwas mehr Kreativität gefragt.

Allein, das scheint einfacher, je weiter entfernt die Historie liegt. Von den Freisinger Bischöfen etwa ist den Waidhofenern der Mohr im Wappen geblieben. Den trägt man mit Stolz. Als bei der Lancierung eines eigenen Fairtrade-Kaffees besagter Mohr aufs Etikett sollte, war das längst nicht mehr opportun. Der Brauch des Türken-Pfeifens hingegen wird immer noch hochgehalten. Einst den Sensenschmieden vorbehalten, erinnert das jährliche Geträller an einen gar nicht so heldenhaften Verteidigungsstoß der Bürger, der vor allem zur Füllung der Stadtkassen beigetragen hat.

„Gar so mutig waren die gar nicht“, schmunzelt die umtriebige Historikerin Eva Zankl vom Stadtarchiv. Ihr Vorgänger war der Waidhofener Historiker Wolfgang Sobotka, der als späterer Politiker und aktueller Landeshauptmannstellvertreter wohlwollend auf seine Heimatstadt schaut. So war auch klar, dass beim Schlossumbau anlässlich der Landesausstellung Bibliothek, Archiv und Dokumentationsstelle der Eisenstraße hier eine neue Heimstatt bekommen würden. Heute tummeln sich in der bunten Leselandschaft junge Leseratten, schmökern Erwachsene in den Regalen, aber auch das Urkundenarchiv, das Forscher von nah und fern zum wissenschaftlichen Arbeiten lockt, sowie die umfangreiche Foto- und Plakatsammlung sind hier untergebracht. Bemerkenswert ist auch das interaktive digitale Angebot, das Beiträge aus der Alltagsgeschichte sammelt und viele der Bestände niederschwellig zugänglich macht.

Maßstab mit viel Glück

Brandneue Alltagsgeschichte sind übrigens auch die stählernen Spiralen der Fahrradständer gleich vor dem Eingang zur Stadtbibliothek. Sie sind der Radlobby zu verdanken und die vorerst aktuellste Neuerung innerhalb eines Verkehrskonzepts, das bereits in der Konzeptphase im Jahr 2007 den Mobilitätspreis des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) und des Landes Niederösterreich erringen konnte. Ausgezeichnet wurde die vorbildliche Vernetzung von Zentrum und Umland mit dem öffentlichen Verkehr, aber auch ein Einbindung des Radweg- und Fußgängerwegenetzes.

„Stadt und Land, Hand in Hand“, so lautete damals der Titel des Nahverkehrsverbundes. Der Slogan war nicht neu, sondern eine Wiederbelebung aus dem Jahr 1972, als Waidhofen durch die Eingemeindung der vier Katastralgemeinden Konradsheim, St. Georgen, St. Leonhard und Windhag zur Großgemeinde erweitert wurde. Der Claim – der schon in den Dreißigerjahren der Landwerbung diente – ist immer noch im Gebrauch, das Thema aktueller als je zuvor, vor allem dann, wenn dienstags und freitags der Wochenmarkt wuselt, wenn Bewohner aus den umgebenden Landgemeinden ihre bäuerlichen Produkte anbieten oder zum Einkaufen und für Behördenwege in die Stadt kommen. Das Land macht einen großen Teil der Lebensqualität aus, und nicht nur beim musikalischen Austausch zeigt sich das kreative Potential von Stadt und Land.

„Stadt mit geglückten Maßstäblichkeiten“, hat Ernst Beneder vor einigen Jahren seine Heimatstadt Waidhofen an der Ybbs genannt. Dieser Titel birgt noch einige Herausforderungen für die Zukunft, aber mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten wird Waidhofen auch diesen Entwicklungssprung bravourös meistern.

 

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