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Im Anfang ist die Frau im Raum einer anderen Frau. Selbst wenn eine gläserne Eprouvette den prosaischen Ort der Zeugung abgegeben hat, kehrt sie in den Bauch zurück, um sich zu entfalten. In der Regel jedoch ist der Mann der Eindringling, und die Frau ist ein Raum, von dem Besitz ergriffen wird. Dann setzt sich ein anderes darin fest, dehnt den Raum aus und verlässt ihn wieder. Hinein in die Welt. Die ist ja auch weiblich. Und doch findet frau nur wenige Räume darin, die unbestritten für sie gemacht sind.

Während Maria noch mit dem Stall vorlieb nehmen musste und später selbst raumspendend den Schutzmantel anlegte, dient heute der Kreissaal als Transitraum ins Leben. Ein Raum für die Frau? Mit partnerschaftlichen Entwicklungstendenzen und Einrichtungskonzepten von sanften Farben, warmen Wannen und leisen Tönen haben auch die Männer das Geburtszimmer für sich entdeckt. Sie halten Hände, reiben Rücken, bannen auf Video und besetzen den frauenspezifischen Raum. Wenigstens auf der Geburtstation liegen bisher nur Frauen, doch dort bleibt frau nicht lange.

Mobil wie sie ist, geht sie bald wieder aus. Erst mal ins Biorestaurant. Dort haben die jungen Mütter ihren eigenen Raum erobert. Wo Kinderwägen am Treppenabsatz parken, herrscht ein fröhliches Körnerknacken und Flaschennuckeln. Bei soviel Mutterglück sind weniger gebärfreudige Geschlechtsgenossinnen ganz froh darüber, sich fernab des Mutterkindgebrabbels gemischtgeschlechtlich ihrem Glutenschnitzel hingeben zu können.

Die Kleine indes wächst heran und wartet aufs Puppenhaus. Auch etwas sehr weibliches. Wobei die Barbie schon längst ihren Ken gekrallt hat und ins Märchenschloss abgefahren ist. Andere kochen noch in der Puppenküche und lernen sich schon mal auf Haushaltsgeräte im Kleinformat ein. „Ich hab ein Haus …“ singt auch Pipi Langstrumpf, aufmüpfige Vorreiterin aller Revoluzzerinnen, und ist uneingeschränkte Herrscherin darin. Später sieht das zwar anders aus, aber schließlich hat Pipi auch keine Sorge ums passende Outfit. Ganz anders als die endlosen Girly-Schlangen vor überquellenden Umkleideräumen. Kaum dass sie dem rosafarbenen Mädchentraum entwachsen sind, beginnen sie sich um Stringtangas, zerrissene Jeans und Intimpiercing zu sorgen. Sie drängen sich in engen Kabinen, tauschen Teile und Ratschläge und jammern über allgegenwärtige Figurprobleme.

Angesichts fragwürdiger Schönheitsideale, die sich auf Plakatwänden räkeln und den öffentlichen Raum dominieren, kommt der Körper wieder ins Spiel. Wenn Frau einen Raum schafft zwischen sich und den Anderen, Fettwälle aufschichtet gegen das Unbill der Welt oder gar keinen Raum mehr nehmen will und gleichsam verschwindet im Knochengerüst ihrer selbst. So oder so findet sie sich im Fitnessstudio wieder. Und nimmt den Ladiesroom, wenn sie dem Aufreißgehabe schwelender Muskelprotze entgehen möchte, die selbst mit 100 Kilo auf der Stange noch ihre bronzierten Körper ins rechte Licht zu rücken wissen.

Erholsamer ist da schon das Eintauchen in das Refugium des Kosmetiksalons. Dort erträgt frau Entspannungsgedudel und blubbernde Dampfmaschinen, die ihr die letzten Pubertätsreste aus den Poren treiben, bevor die Fachfrau mit ihren sanften Fingern ans Werk schreitet. Entspannung pur, auch im Wellnessbereich. Reminiszenzen an ferne Haremsräume werden wach, jedoch die Damensauna entblößt das Frausein in seinen brutalen Facetten: nackte Leiber, unkaschiert, und der erbarmungslose Kampf um die letzte freie Liege. Der so bearbeitete Körper findet sich wieder im Paradies der Dessousabteilung. Abgetönte Spiegel stellen die Relationen richtig, und der Schwerkraft kundige Beraterinnen filtern aus dem sündhaften Angebot das Richtige, um den raumgreifendsten aller weiblichen Körperteile ergonomisch zu stützen.

Solcherart ausgerüstet begibt frau sich in den zwischenmenschlichen Raum und experimentiert mit Nähe und Distanz. Was bei der Engtanzparty noch eine ersehnte Raumwahrnehmung war, kann später zum mühsamen Vom-Leibe-Halten zudringlicher Abräumer werden. Bleibt nur der nach Innen gekehrte Autistentanz. Andernorts tanzen Frauen in Käfigen. Auch nicht das Wahre. Und sollte frau doch mal einen Mann suchen, betritt sie zunehmend den virtuellen Raum. Dort herrscht noch eine klare Raumverteilung, auch wenn sich manch beeindruckende Fassade als potemkinsche Dorfstraße entpuppt. Raum für ungehemmtes Geschreibsel bleibt allemal.

Das weckt neue Gelüste, und dafür gibt’s den Frauenerotikshop. Vom Blümchensex bis Lack und Leder – für jede Nachfrage das entsprechende Angebot. Adrett drapiert wie einst im Setzkasten des blumigen Mädchenzimmers lagern hier Gleitmittel, Lustkugeln und Reizwäsche. In der Ecke steht der Gummibaum. Wenn die Dame vom Fach mit sicherer Hand den neuesten Vibrator vorführt und mit der Selbstverständlichkeit eines Tortenrezeptes den Gebrauch eines Sexspielzeugs erläutert, weiß frau sich gut beraten. Nur wehe ein Mann betritt den Laden und stört das weibliche Einverständnis. Was eben noch die Entspanntheit eines Kaffeekränzchen hatte, führt plötzlich zu blutroten Wangen und stockenden Verkaufsverhandlungen. Da will frau doch lieber unter sich sein.

Zumindest auf der Damentoilette sollte das gelingen (auch wenn die englische Bezeichnung als Puderraum im Österreichischen durchaus andere Assoziationen weckt). Und doch gibt’s auch da große Unterschiede. Wo vom Haarspray bis zur Tamponsbatterie an alles gedacht wurde, sehnt frau sich zurück ins versiffte Frauenhäusl, wo Anarcho- und Emanzensprüche, intime Fragen und sehnsüchtige Poesie zum Schmökern im weiten Raum der Frauenwelten anregen.

Die Frau im Raum – Raum für die Frau? Unumstößliche Gesetzmäßigkeiten und gesellschaftliche Entwicklungen prägen das feminine Raumangebot, das naturgemäß viel mit dem Körper zu tun hat. Damensalon und Ankleidezimmer sind längst abhanden gekommen, und das frauengerechte Planen hat mehr mit Alltagstauglichkeit denn mit dem Loos’schen Schlafzimmer fürs Luxusweibchen zu tun. Manches bleibt. Vieles entsteht. Neue Räume sind zu entdecken.

Architektur – eine weibliche Profession. Jovis Verlag, Berlin 2011

Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen, Stadtentwicklung Wien

Planung, Architektur, Frauen.

Räumen und Gendern. Anschläge, Wien 2006

Sabine Pollak: Leere Räume. Weiblichkeit und Wohnen in der Moderne, Verlag Sonderzahl, Wien 2004.

Derive. Zeitschrift für Stadtforschung. Schwerpunkt Frauenöffentlichkeiten. Nr.15, Wien März 2004.

Marie Sichtermann: Der zäheste Fisch seit es Fahrräder gibt. Ein Plädoyer für autonome Frauenräume. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2003.

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