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Das erste Problem war die Wathose. Die mussten wir erstmal unterbringen im Gepäck, und dann noch die Angeln, die Schuhe, die Fliegen und was der Fischer sonst noch gerne beim Fischen an eigener Ausrüstung mit dabei hat. Noch dazu wenn’s zum ersten Mal über den großen Teich geht. Aber das war nicht die einzige Herausforderung. Schließlich sollte es ein romantischer Urlaub für zwei werden. Wobei allerdings nur einer der beiden Romantiker mit Angelleidenschaft gesegnet ist, und der weibliche Part sich mehr auf Natur, Kultur und Kulinarisches versteht. Nun, mit guter Planung, Teamwork und gelegentlichen Ausflügen in des anderen Fach ist daraus eine durchaus nachahmenswerte Reise zum Fliegenfischen im Wilden Westen geworden. Von dem geplanten Monat in den USA, hatten wir zum Einstieg gleich einige Tage in New York vorgesehen. Da konnten wir ausgiebig den urbanen Reizen des Big Apple frönen, genossen das bunte Durcheinander von Menschen, Sprachen und Kulturen. Und kamen selbst im Herzen der Metropole ums Fischen nicht herum – zu Füßen der Wolkenkratzer am großen Pond im Central Park hörten wir das erste Fischerlatein auf Amerikanisch.

Aber dann ging’s auf in Richtung Westen. Yellowstone Park und Rocky Mountains hatten wir uns als Fischerziele vorgenommen. Nach dem Inlandsflug nach Salt Lake City holten wir erst mal den geländegängigen Leihwagen ab, der uns für die weitere Reise als Schlafstatt dienen sollte. Dank des geschäftstüchtigen Zuredens der Autovermieter hatten wir auf eines dieser, sündhaft viel Benzin verbrauchenden und unglaubliches Fahrgefühl verschaffenden SUV upgegradet und uns gleich ins amerikanische Straßeng etümmel gestürzt. Automatik und Tempomat eingeschaltet und ab ging’s auf den Highway. Nicht ohne vorher noch im besten Outdoor-Ausrüster der Stadt das Shoppingparadies von seiner besten Seite kennen zu lernen. Endlose Regale von Fliegen und Blinkern, die feinsten Kescher, Ruten und Stiefel ließen das Fischerherz höher schlagen und schlugen auch finanziell gehörig zu Buche.

Trotz anfänglicher Skepsis vor den langen Autofahrten entwickelte der endlose Horizont bald einen Sog, dem wir uns nicht mehr entziehen konnten. Immer weiter in den Norden ging’s, wo die ersten Gletscher vor uns auftauchten und die ersten Büffel für unsere Verblüffung sorgten. In stoischer Ruhe trotteten sie über die Landstraße und ließen sich von Touristenkolonnen mit Foto und Videokamera im Anschlag nicht aus der Ruhe bringen. Das ständige Stopp and Go hatten wir bald schon als sicheres Zeichen für Wildtieraufkommen in Sichtweite der Straße interpretiert und konnten uns eines gewissen Safaripark-Feelings nicht erwehren. Nichtsdestotrotz sind 90 % der Gesamtfläche des Parks tatsächlich unzugängliche und unberührte Natur, die eine einzigartige Flora und Fauna hervorbringt. Die ersten Fische mussten wir dann allerdings den Pelikanen überlassen, die sich vor unseren Augen in den Yellowstone River stürzten – für uns hieß es da noch „Schonzeit“.

Trotz meist kleingewachsener Angelbeute hatte wir uns bald ein archaisches Lagerverhalten angewöhnt. Der Mann geht auf die Jagd und die Frau hütet das Herdfeuer. Bestens funktioniert das auf den Campingplätzen der National Forests, die mitten in der Wildnis liegen und stets mit Sitzgelegenheiten, Feuerplatz und Grillrost ausgestattet sind. Aber auch abseits dieser Plätze im National Forest kann man an jedem beliebigen Ort wild campen. Aus gesammelten Steinen hatten wir schnell eine kleine Feuerstelle gebaut, wo dann unsere Fische mit Gemüse in der Folie schmurgelten. Beste Dienste leisteten uns dabei die Campingstühle, die uns schon im New Yorker Central Park ins Auge gestochen waren und zu einer unseren liebsten amerikanischen Erwerbungen zählen.

Da im Yellowstone Park zwar viel von der Natur aber weniger von den ursprünglichen Bewohnern die Rede ist, stand bald der erste Kulturabstecher auf dem Plan. Schließlich lebten auf dem Gebiet des heutigen Yellowstone Parks ursprünglich rund 27 verschiedene Indianerstämme. Im Museum in Cody kann man sich in die Kultur der indianischen Ureinwohner vertiefen, und bei der schaurigschönen Rodeoshow wird man der traurigen Überreste vom Mythos des amerikanischen Cowboys ansichtig. Namen wie Shoshone River und Dead Indian Creek sind uns nachher nicht mehr so unbefangen über die Lippen gekommen.

Zurück im Nationapark am glasklaren Lava Creek hatten wir das seltene Vergnügen, richtige Gentlemen beim Fliegenfischen beobachten zu können – die Hemden in Pastellfarben, den Stetson im Nacken, Zigarre im Mundwinkel und die Ausrüstung vom Feinsten. Als dann die Würfe auch noch von unnachahmlicher Eleganz waren, störte es wenig, dass auch hier nur kleine Salmoniden an die Angel gingen.

Kaum hatten wir die letzte Yellowstone-Lodge hinter uns gelassen und die Landesgrenze nach Montana überschritten, breitete er sich vor uns aus – der Big Sky, für den dieses Land berühmt geworden ist. Einsame Weiten durchzogen von charakteristischen Weidezäunen und grasenden Rinderherden, am Horizont die Rocky Mountains und alles unter einem endlosen Himmel, der uns die einst so heiß ersehnte Freiheit des Wilden Westens spüren ließ. Bei einem der kurzen städtischen Abstecher entdeckten wir nahe dem Gallatin River ein Kuriosum inmitten der gesichtslosen Aneinanderreihung von Supermärkten, Schrotthändlern und windschiefen Bungalows in den Suburbs von Bozeman. In einem liebevoll instandgesetzten Blockhäuschen konnten wir köstlichen Capuccino und „home-made, award-winning cinamon rolls“ verkosten, ganz amerikanisch auf der Veranda schaukeln und danach gemeinsam ein Souvenir für die heimatliche Sammlung erstehen. Heißer Tipp – die vom Hausherrn selbst getöpferten Kaffeehäferl exklusiv für den Fliegenfischer!

Dank unserer blühenden Phantasie hatten die allgegenwärtigen Bärenwarnungen auf uns eine nachhaltige Wirkung getan. Nur ausgerüstet mit Bärenglocken und Bärenspray, der einem allerdings im Ernstfall die todesmutige Geistesgegenwart abverlangt, den Grizzlybären auf Armeslänge herankommen zu lassen, wagten wir uns in Fluss und Wald. Selbst nächtliche Austritte aus unserem Super-Vehicle reduzierten wir aufs unerlässliche Minimum. Gegen Ende der Reise begann dann unsere Matratze nächtens an Luft zu verlieren, so dass wir gegen Morgen zunehmend unbequem zu liegen kamen. Als schließlich die Luft ganz raus war, wurde die ungewohnt frühe Stunde einfach zum morgendlichen Forellenfischen genutzt und bescherte uns schließlich noch zwei der prächtigsten Bachforellen der gesamten Reise.

Schweren Herzens mussten wir uns schließlich von der liebgewonnenen fahrenden Schlafstatt trennen, verpackten Campingstühle und Fischerausrüstung flugsicher für die Heimreise und bestiegen den in Richtung Osten startenden Jet. Die allabendlich am Lagerfeuer zubereitete Fischmahlzeit sollte nun für längere Zeit wieder der Vergangenheit angehören, hektische Zivilisation wieder an die Stelle von Natur und Weite treten. Ein bisschen von der Freiheit des Wilden Westens haben wir uns aber mitgenommen Und beim nächsten Mal ist vielleicht Schon eine zweite Wathose im Gepäck zu verstauen.

Reisebericht. Text: Helga Kusolitsch, Fotos: Norbert Novak.
Erschienen in der Zeitschrift ‘Am Fischwasser’ Mai/Juni 2007

Fliegenfischen im Wilden Westen

 

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