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Neu interpretiert.

Am noblen Hietzinger Hügel oberhalb des Schlossparks von Schönbrunn haben die Wiener Architekten von AlleswirdGut ein elegantes weißes Ensemble realisiert, das im Spektrum ihrer Wohnbautätigkeit nicht nur geografisch am anderen Ende der Stadt angesiedelt ist. Wo’s zuletzt beim vielfach ausgezeichneten und oftmals publizierten Hotelprojekt ‚Magdas‘ vor allem um Social Design, Upcycling und Low Budget im grünen Prater ging, weist die Mehrfamilienhaus-Siedlung in der Gallgasse ein hochwertiges Wohnungsangebot für kaufkräftiges Publikum auf, das aus einem ungewöhnlichen Umbauprojekt hervorgegangen ist.

Der 13. Wiener Gemeindebezirk zählt zu den grünsten Vierteln der Stadt und hat sich viel vom Charme des 1890 eingemeindeten ehemaligen Weinbauortes bewahrt. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass sich in dieser Gegend der Wunsch vom Wohnen im Grünen mit der urbanen Anbindung formidabel verbinden lässt. ‚Ländlich-mondän‘ hat es Tucholsky genannt, und einiges vom schier Unvereinbaren lässt sich hier tatsächlich unter ein Dach bringen.

Zweimal ungewöhnlich fügt sich das Projekt in die lange Liste der realisierten Wohnbauten von AWG. Ganz im Gegensatz zur üblichen Wettbewerbstätigkeit, kam dieser Auftrag nach einem erfolgreichen Vorgängerprojekt vom Bauträger direkt zur Vergabe. Solcherart frei von vordefinierten Wettbewerbskriterien konnte in enger Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber WVG unter der Projektleitung von Friedrich Passler der optimale Entwurf entwickelt werden. Das zweite Novum stellt der Umbau in großem Maßstab dar. Kleinere Umbauten gab es bei AWG wohl, das Bauen im Bestand galt jedoch bis dato gewerblichen oder kulturellen Nutzungen.

Das heterogene Ensemble mit einer Bruttogeschoßfläche von 6.500 Quadratmetern bestand aus vier unterschiedlichen Baukörpern, die in ihrem Kern aus den 20er, den 60er und aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stammen und vielfache Überformungen ‚erlitten‘ hatten. Zuvor im Besitz einer Glaubensgemeinschaft war auch die bisherige Funktion der einzelnen Gebäude, von den Werkstätten und Büros über Seminar- und Versammlungsräume bis hin zu klosterähnlichen Wohnbereichen, höchst divers. Als großer Vorteil des Bestandes erwies sich die Stahlbeton-Skelettbauweise, die eine weitgehende Entkernung für die Unterbringung des straffen Raumprogrammes ermöglichte. Das vorhandene Formenkonglomerat brachte jedoch auch fixe Parameter mit sich, die den gestalterischen Ideen Grenzen setzten. Auf die Dachform etwa konnte nur bedingt Einfluss genommen werden, sodass nun die diversen Dachschrägen in Kombination mit kubischen Baukörpern ihr Formenspiel eröffnen.

Gestalterische Klammer ist das Fassadenweiß, das die einzelnen Baukörper als Ensemble zusammenhält und im Detail durch unterschiedliche Oberflächenstruktur von der Putzkörnung bis zur Blechdeckung in einer großen Weißpalette nuanciert. Eine Reminiszenz an die weiße Stadtvilla der Moderne tut sich hier auf, auch sind die weißen Vertreter der Wiener Werkbundsiedlung nicht weit. Eine Reminiszenz, welche die Architekten aber doch mit einem Augenzwinkern verstanden wissen wollen. Denn wenn die Sehnsucht nach exklusivem Wohnen mit dem Bedürfnis nach leistbarem Wohnen einhergeht, kommt dann doch wieder ihre soziale Ader durch.

Das große Plus der Gesamtanlage ist der parkähnliche Grünraum, der über einen Bestand an alten, teilweise unter Naturschutz stehenden Bäumen verfügt, dem die Landschaftsarchitektin Carla Lo behutsame Ergänzungen hinzufügte, und dem auch die Erweiterung der Tiefgarage nichts anhaben konnte. Die meisten Wohnungen öffnen sich mit bodentiefen französischen Fenstern zum Park hin und profitieren durch direkten Gartenzugang, Eigengärten und großzügige Balkone von der umgebenden Natur. Der Dialog mit Licht, Luft und Grün bildet ein Kernthema des Umbaus. Nachdem die Anordnung der freistehenden Baukörper eine großzügige Belichtung ermöglicht, verfügt jede der 46 Wohnungen über zumindest Ost oder West-Orientierung und meist zweiseitige Belichtung, einige konnten auch durchgesteckt realisiert werden.

Die einzelnen Wohnungstypen in der Größenordnung von 55 bis 160 Quadratmeter bilden einen gesunden Mix, setzen sich durch Größe und Ausstattung jedoch deutlich vom sozialen Wohnbau ab. Dennoch wurde großer Wert auf soziales Miteinander gelegt. Im Gemeinschaftsgarten stehen die möblierte Terrasse mit Pergola und Außenküche sowie ein Kleinkinderspielplatz allen Bewohnern zur Verfügung. Inklusion steht auch bei der Barrierefreiheit im Vordergrund, die durch Lifteinbauten und durchgehende Schwellenlosigkeit in allen Wohnungen umgesetzt werden konnte.

Dieser hohe Anspruch setzt sich in der Innenraumgestaltung fort, wo ebenso das neutrale Weiß dominiert. Massivholzböden im traditionellen Fischgrätparkett, wie sie die klassische Wiener Gründerzeitwohnung vorzuweisen hat, großzügige Wannenbäder und schwellenlose Glasduschen mit Aussicht komplettieren das hochwertige Interieur der mit Fußbodenheizung ausgestatteten Wohnungen. Die bestehende Gasheizung war im Rahmen der Umbaumaßnahmen adaptiert und durch eine thermische Solaranlage ergänzt, sämtliche Elektroanlagen und Installationen sind durch zeitgemäße Qualitätsprodukte erneuert worden.

(Manuskriptfassung, erscheint in Bauwelt 39/ Spezial)

Bauwelt Spezial GROHE
AllesWirdGut Architekturbüro

Fotograf: awg/ Gui Silva da Rosa

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