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Architektur vor Ort – das ist das Thema des heurigen Schelling-Preises, und dieses spezielle Architekturverständnis verkörpert Anna Heringer mit ihrer ganzen Person und ihrem gesamten Werk so wahrhaftig, wie kaum jemand. Sie widmet sich seit Anbeginn ihres Architekturstudiums der Entwicklung einer nachhaltigen Architektur, die auf die Bedürfnisse der Menschen eingeht, sie selbst in das Bauen einbindet und ihnen damit ein Werkzeug in die Hand gibt für eine Verbesserung ihrer eigenen Lebensbedingungen.

Dieser ganzheitliche Architekturansatz geht über das Entwerfen, Konstruieren und Bauen noch hinaus in Richtung eines neuen Wirtschaftsmodells, das lokale Initiativen stärkt und den negativen Auswirkungen der Globalisierung entgegenwirkt. Dabei schafft Anna Heringer den Spagat zwischen künstlerischem Entwerfen, handwerklicher Herangehensweise, sozialem Engagement und der mitreißenden Kraft, einige der besten Köpfe der Architektur um sich zu versammeln, zur Ausrufung und Umsetzung eines Manifestes für eine bessere Welt.

Anna Heringer stammt aus dem bayerischen Laufen, unweit der Salzburger Grenze und bezeichnet sich selbst gerne als Österreicherin. Schließlich hat sie ihr Studium der Architektur an der Universität für künstlerische Gestaltung in Linz absolviert. Dorthin ist sie später auch, ebenso wie an die TU in Wien und derzeit an die ETH Zürich mit Lehraufträgen zurückkehrt. Sie ist also eine studierte Architektin. Was ihre Arbeit aber einmalig macht, ist ihr umfassender Ansatz. ‚Architektur sei dazu da, das Leben besser zu machen‘ sagt Anna Heringer. Und dazu ist sie auch ganz tief ins Leben hinein und in die Welt hinaus gegangen. Hat selbst Hand angelegt und eine Architektur umgesetzt, die nicht nach Hochglanzbildern giert sondern eine ästhetische und nachhaltige Behausung für Menschen sein soll. Deshalb sieht man auf den Bildern ihre Bauten ungewöhnlich viele Menschen, manchmal auch Büffel und viele nackte Füße, die im Lehm herumstampfen.

Wie ist Anna Heringer dazu gekommen? Schon als ganz junge Frau war es ihr ein Anliegen für Menschen zu bauen und ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Mit 19 Jahren und mit großem Mut ging sie für ein Jahr nach Bangladesch. Daraus ist die in Lehmbauweise und in gemeinschaftlicher Arbeit errichtete, mittlerweile weltweit berühmte Meti-Schule als Pilot-Projekt der Selbsthilfe entstanden. Das war nicht nur ihr erster eigener Entwurf sondern auch das erste Beispiel der von ihr postulierten ‚Handmade Architecture‘, die später zum Thema ihrer Diplomarbeit wurde. Der von ihr entwickelte Ansatz wurde und wird mittlerweile an zahlreichen Orten und für unterschiedlichste Nutzungen umgesetzt. Vom Bildungszentrum in Bangladesch über den Kindergarten in Zimbabwe, zu einer Jugendherberge und einem Keramikmuseum in China und selbst für die Mitarbeiterräume eines Unternehmens Vorarlberg… Das hat ihr bereits einige Auszeichnungen eingebracht. Darunter den Aga Khan Preis, mehrere Emerging Architects Awards und Preise für nachhaltige Architektur, ein Fellowship in Harvard und auch die Ernennung zur Honorarprofessorin eines UNESCO-Lehrstuhls. Ausgestellt wurden ihre Werke in ganz Europa, in New York und China.

Anna Heringers Anliegen ist es, vorhandene Potentiale zu nutzen. Eine Einstellung die in Zeiten der Globalisierung aus dem Blickwinkel geraten ist. Heringers Architektur fördert das Vertrauen in eine authentische Kultur, unterstützt die lokale Wirtschaft und fördert die ökologische Balance. Nachhaltigkeit ist für sie ein Synonym für Schönheit und hat viele Komponenten: Harmonie von Gestaltung, Konstruktion, Technik und Material. Harmonie mit dem Ort, der Umgebung, den Nutzern und dem soziokulturellen Kontext.

Deshalb greift sie gerne auf die Lehmbautechnik zurück, die über zahlreiche bauliche und klimatische Qualitäten und über eine Jahrhunderte-alte Tradition verfügt. Wobei sie den Worten Gustav Mahlers alle Ehre macht – die Tradition sei die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Der Lehmbautechnik hat Anna Heringer gemeinsam mit Martin Rauch neues Leben eingehaucht und sie bis nach Harvard und zuletzt auch fast an die Berliner Mauer gebracht. Die Verwendung traditioneller Techniken für moderne Bauten hat in den Entwicklungsländern eine große nachhaltige Komponente und verschafft Menschen einen Zugang zur Architektur, der ihnen aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse ansonsten verwehrt bliebe.

Anna Heringers Architekturverständnis strahlt auch auf die gesellschaftliche Entwicklung aus, und dabei spielen die Frauen eine Rolle, die auch im Rahmen des Schelling-Preises wichtiger wird. In den letzten Jahren waren die weiblichen Preisträgerinnen durchaus in der Minderheit, und auch Erich Schellings Frau Trude hat einen wichtigen Anteil am seinem Werk, der noch auf Aufarbeitung wartet. Anna Heringer jedenfalls hat in ihrer sozialen und kulturellen Arbeit auch ein Wirtschaftsprojekt speziell für Frauen ins Leben gerufen, das mit Textilprodukten Arbeit und fairen Lohn bringt. Hilfe zur Selbsthilfe, Self-Empowerment und Bottom up sind hier keine leeren Schlagwörter sondern angewandte Alternativen zu einer Globalisierung der Ausbeutung.

Schließlich hat Anna Heringer auch eine inhaltliche und programmatische Grundlage für diese gelebten Bottom-up Aktivitäten gesucht und das Laufen Manisfesto initiiert, ein Programm für eine menschliche Entwurfskultur, das weltweit Akteure einer sozial engagierten Architektur zusammenbringt.

Alles in allem ein großes Potential für eine zukunftsfähige Architektur vor Ort. Auf die Zukunft von Anna Heringer‘s Wirken darf man gespannt sein.

Laudatio für Anna Heringer, gehalten am 12.November 2014 im Rahmen der Vergabe des Schelling-Architekturpreises von Helga Kusolitsch als Laudatorin und  Gast im Wahlkuratorium

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Eine der drei Nominierten für den Architekturpreis der Schellingstiftung ist die 1977 geborene Architektin Anna Heringer, die im bayrischen Laufen lebt und arbeitet, jedoch bereits seit Jahren den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Entwicklung einer nachhaltigen Architektur im außereuropäischen Raum gelegt hat.

Ausgehend von einem ersten Aufenthalt in Bangladesh im Jahr 1997 im Rahmen eines Sozialprojekts hat sich Anna Heringer während ihres Studiums der architektonischen Arbeit in diesem Entwicklungsland gewidmet und mit ihrer Diplomarbeit die erste Idee der Handmade School entwickelt, die auf den Einsatz nachhaltiger autochtoner Bautechnik setzt, die schließlich mit der METI-School in Bangladesh die erste erfolgreiche Realisierung fand. Weitere Projekte führten sie u.a. in ihrer Funktion als Projektleiterin des 2004 gegründeten Base Habitat Studios für Architekturkonzepte an der Uni Linz in verschiedene  Länder in Afrika, Europa und Asien und in die intensive Zusammenarbeit mit dem Vorarlberger Lehmbauspezialisten Martin Rauch.

Neben zahlreichen Publikationen wurden ihre Werke bereits im MOMA in New York, im V&A Museum in London und auf der Biennale in Venedig ausgestellt. An Auszeichnungen erhielt sie den Hunter Douglas Archiprix, den  Emerging Architecture Awards, den Global Award for Sustainable Architecture sowie das internationale RIBA fellowship, seit 2010 eine UNESCO-Professur für  “earthen architecture, construction cultures and sustainable development”.

Anna Heringer, Laufen, Deutschland

Diébédo Francis Kéré, Berlin, Deutschland
Carla Juaçaba, Rio de Janeiro, Brasilien
Preisentscheidung und Preisverleihung finden am 12. November ab 17:15 Uhr in Karlsruhe, im KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie statt.
Schelling Architekturstiftung

 

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