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(c) simon.bauer@ufg.ac.at

Tradition & Moderne unter einem Dach? Mit Mut zum Neuen und Respekt vor dem Alten finden junge Architekten ungewöhnliche Lösungen für die Bauaufgaben der Landwirtschaft.

Das Bauernhaus lebt von der Tradition, die Herausforderung aber liegt in der Gegenwart. Denn die ‚Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche‘, so hat es der große österreichische Komponist Gustav Mahler schon im vorigen Jahrhundert formuliert. Alt & Neu also ist gefragt. Mit Offenheit und einigen einfachen Grundsätzen kann das auch am Bauernhof gelingen, wie die folgenden Beispiele beweisen.

Den Anfang macht ein bäuerliches Wohnhaus, das mehrere Generationen unter ein modernes Dach bringt, ohne dabei die traditionelle Hof-Form zu beeinträchtigen. Für die Modernisierung ihres Mühlviertler Dreiseithofes hat sich die Familie Kaiser im oberösterreichischen Kirchschlag an die Linzer any:time Architekten gewandt. Jürgen Haller und Christoph Weidinger, selbst ein gebürtiger Kirschschlager und den Bauherrn seit Kindheitstagen bekannt, hatten in der Umgebung schon mehrfach umgebaut und so das Vertrauen gewonnen für den ersten bäuerlichen Auftrag mit klassischer Herausforderung: Alt und Jung unter einem Dach.

‚Wichtig ist immer die klare Trennung, man muss auch sagen können, heute zieh ich mich zurück und kommt’s morgen wieder‘ umreißt Weidinger die Herausforderung des Zusammenwohnens mehrerer Generationen. Mit diesem Wunsch waren auch Agnes und Günther Kaiser an ihn herangetreten. Sie wollten den Altbauern das Erdgeschoß überlassen und sich im Obergeschoß eine größere und unabhängige Wohneinheit mit eigenem Zugang einrichten. Dazu kam der Wunsch nach mehr Licht. Im traditionell zu Wohnzwecken genutzten Nordtrakt gar nicht so einfach zu verwirklichen. Man hatte sogar schon an ein weiteren Geschoßes gedacht, das die harmonische Gesamterscheinung völlig zerstört hätte. ‘Ich wollte auf jeden Fall den traditionellen Hof erhalten – aber was Modernes konnte schon dabei sein‘ erklärt der Bauherr seine Idee und war damit bei den any:time Architekten an der richtigen Adresse. Dank zweier ungewöhnlicher baulicher Eingriffe fanden sie eine bessere Lösung.

Der im Südtrakt befindliche Getreideboden war durch den Umstieg auf die Schafzucht frei geworden und wurde kurzerhand zum mehrgeschossigen Wohnraum umfunktioniert. Die Verbindung zum Nordtrakt stellt ein verglaster Gang her, der auch als Gewächshaus genutzt wird. Er ist etwas zurückversetzt, um die Gesamterscheinung der traditionellen Hoffassade nicht zu stören. Das gilt auch für die Südseite, wo jedoch eine große Fensteröffnung die Wand oberhalb des Stallgeschosses einschneidet und so eine lichtdurchfluteten Raum schafft, von dem man den Blick bis hin zu den Alpen genießen kann. Ein markantes Zeichen für den hoch auf der Hügelkuppe sitzende Hof, ein Zeichen auch für die Respekt vor dem Alten und Offenheit für das Neue.

Diese Einstellung zeichnet auch den Neubau einer preisgekrönten Hackguthalle im oberösterreichischen Hausruckviertel aus. ‚Was modern ist, darf auch modern aussehen, aber was ein Nebengebäude ist, soll sich dem Ensemble unterordnen‘, davon ist Leopold Hofinger überzeugt und mit dieser Herangehensweise hat der Nebenerwerbslandwirt eine landwirtschaftliche Halle gebaut, die in mancherlei Hinsicht als Vorbild dienen kann.

Einfach und doch selbstbewusst steht die Sichtbetonhalle neben dem historischen Gehöft und bildet dank Form und Gestaltung eine harmonische Erweiterung des Bestandes. Das ‚schöne alte Haus‘ zu erhalten, das war schon dem Vater ein Anliegen gewesen. Deshalb blieben dem Wohnhaus schon früher überdimensionierte Fensterausbrüche oder grobe Fassadenerneuerungen erspart. Als im Jahr 2008 die Umstellung auf eine umweltfreundliche Heiztechnik – Hackgut aus der eigenen Holzwirtschaft – anstand, entschieden sich die Hofingers für die Auslagerung in ein Nebengebäude. Und für diesen Neubau hatte man mit Gerald Zehetner als Schwager auch gleich einen Architekten an der Hand.

2009 stellte er mit den Linzer Bogenfeld Architekten dem historischen ‚Doppeleinspringer‘-Hof eine Halle zur Seite, die mehrere Herausforderungen mit Bravour meistert. Im Altbestand konnte die Wohnqualität ohne gröbere bauliche Eingriffe in die wertvolle Bausubstanz verbessert werden. Lärm, Staub und Brandrisiko wurden nach ‚draußen‘ verlagert. Dadurch kann der alte Hof als Garten genutzt werden. Zwischen Scheune und neuer Halle entstand ein Außenraum, der optimale Arbeitsbedingungen und maximale Bewegungsfreiheit garantiert. So auch die neue Halle selbst, die in Form und Funktion genau auf die Anforderungen angepasst werden konnte. Zusätzlicher Bonus: auch der Traktor ist jetzt unter Dach und Fach. Die Halle, eine 5 Meter hohe Pultdachkonstruktion aus Betonfertigteilen, kann dank großer Schiebetore auch als Garage genutzt werden und fasst Heizmaterial für gut zwei Jahre.

Gelungen ist der Dialog von Alt und Neu auch bei der Materialwahl, wo der Bauherr ganz klare Vorstellungen hatte. Rot eingefärbte Sichtbetonwände und sägeraue Lärchenbretter nehmen Bezug auf das unverputzte Ziegelmauerwerk und die verwitterten Bretterwände des Bestandes. Deshalb war es ihm auch wichtig, Materialien zu verwendeten, die durch den Alterungsprozess eine natürliche Patina erhalten, und sich dadurch harmonisch an das Ensemble angleichen.

Ein weiterer Neubau der sich an der traditionellen Bauform orientiert, findet sich in Vorarlberg. Weitläufige Obstwiesen umgeben den seit 1838 im Familienbesitz befindlichen Michelehof in Hard am Bodensee. Und die Obstbäume sind auch die Grundlage für eine der erfolgreichsten Destillerien Vorarlbergs. Begonnen hat alles in einem kleinen baufälligen Gebäude hinter Wohnhaus und Stall. Dort hat Albert Büchele neben der Landwirtschaft die Schnapsbrennerei zur Perfektion gebracht. Was als Liebhaberei begonnen hatte, sollte nun professionell aufgezogen werden. Dazu waren aber ein neues Wirtschaftsgebäude und vor allem ein einladender Verkaufsraum vonnöten. Anregung dafür fand Büchele bei einem Abnehmer seiner edlen Brände und so war der Weg zum Architekten Phillip Lutz nicht weit. ‚Verwurzelt, bodenständig, qualitätsorientiert‘ so lautet die Eigendefinition von Albert Büchele, die auch auf das neue Wirtschaftsgebäude passt. Ausgeführt in traditioneller Holzkonstruktion mit Satteldach fügt sich das langgestreckte Gebäude harmonisch in die dörfliche Umgebung ein. Nur der Kopfbereich ist massiv errichtet, um den technischen Anforderungen der Schnapsbrennerei gerecht zu werden. Das Holz aus den hofeigenen Wäldern hat aber nicht nur tragende Funktionen sondern ziert sägerau oder samtigfein auch Böden, Wände und Fassaden.

Gleich an der Stirnseite des langgestreckten Gebäudes lockt das große den Besucher in den Laden, wo sich die edlen Brände in Holzregalen präsentieren. Böden aus geschliffenem Beton, Wandverkleidung aus Weißtanne, Edelstahl und Nußholzmaserung entsprechen in ihrer einfachen doch edlen Qualität den Produkten. Zwei Jahre hat der Bau gedauert, ungewöhnlich viel Arbeit hat der Bauherr selber hineingesteckt in ein Gebäude, das jeden Tag Freude macht und drei Architekturpreise erringen konnte. ‚Das aller Schönste aber‘ so Büchele‚‘ ist die Tatsache, dass auf Grund der gelungenen Architektur immer wieder architekturinteressiertes Publikum zu uns findet, welches das Gebäude sehen will und meist auch ein paar Euros in unserem Laden liegen lässt‘.

Ein Schulbeispiel fürs moderne landwirtschaftliche Bauen im wahrsten Sinne des Wortes findet sich ebenfalls in Vorarlberg, wo der Lehrstall der landwirtschaftlichen Schule Hohenems eine Alternative zu den weit verbreitete Fertigteilställen aufzeigt. ‚Toleranz und Offenheit gegenüber Neuem bei gleichzeitiger Besinnung auf bäuerliche Kultur und Tradition’, das ist einer der Leitsätze, die sich die landwirtschaftliche Schule Hohenems auf die Fahnen geheftet hat. Und was das Bauen anbelangt, geht das Bildungszentrum am Rheinhof selber mit bestem Beispiel voran. Im Schulstall bei Stallarbeit und praktischem Unterricht erfahren die späteren Landwirte und Landwirtinnen, wie sich jenseits von Fertigteillösungen aus dem Katalog modern, tiergerecht und nutzerfreundlich bauen lässt, ohne Aspekte der Nachhaltigkeit und Regionalität außer Acht zu lassen.

Für gutes Bauen auch in der Landwirtschaft ist Vorarlberg grundsätzlich ein guter Boden. Und bei öffentlichen Bauten steht ohnehin immer die Einbindung von Architekten an. Als daher im Jahr 2005 das Stallgebäude am Rheinhof einem Brand zum Opfer fiel und für die dringende Fortsetzung des Unterrichts eine rascher Neubau gefragt war, lag es nahe den Architekten, der bereits beim Schulgebäude mitgewirkt hatte, zu beauftragen. Stall- und Tierzuchtexperten von Schule und Behörde erarbeiteten ein Funktionskonzept, das eine optimierte Arbeitswirtschaft im Freilaufstall ermöglicht. Gerade Futterachsen und befahrbare Erschließungswege etwa waren Bedingungen, die der Architekt mit einem Lehr-Stall im wahrsten Sinne des Wortes umsetzte. Ein Baubeispiel, das hoffentlich Schule macht. Große Stallgebäude prägen wie kaum eine andere Bauaufgabe das Landschaftsbild – eine verantwortungsvolle Gestaltung will gelernt sein.

Ein Satteldach käme jedenfalls nicht in Frage, erinnert sich der Stallverwalter Christian Winklehner an eine der ersten Aussagen des Architekten, der eine ungewöhnliche Lösung zur Vermeidung großer Firsthöhe fand. Dabei kam ihm seine Herkunft zugute. Hermann Kaufmann, ein wichtiger Vertreter der modernen Vorarlberger Holzbaukunst, war als Sohn einer alten Zimmermannsfamilie von klein auf vom Holz fasziniert und nützte das erlernte handwerkliche Denken als Rüstzeug für seine Tragwerksentwürfe.

46 mal 30 Meter misst der Freilaufstall, 110 Rinder haben darin Platz. Anstelle des oft überdimensionierten Satteldachs einer Fertigteilhalle wendet Kaufmann eine Bauform an, die aus dem Kirchenbau bekannt ist. Wie in einer Basilika erhöht er den Mittelteil des Gebäudes und erhält so zusätzliche Fensterbänder, die zur Belichtung und Belüftung dienen. Die Öffnungen sind nicht verglast, können aber je nach Witterungsbedingung mit Rollos geschlossen werden. Frische Luft kommt auch durch die offenen Fugen der senkrechten Holzschalung. Diese wie auch die gesamte offene Konstruktion, sämtliche Türen und Tore sind in heimischen Hölzern ausgeführt. Aber nicht nur das. Auch auf Leimholz wurde aus ökologischen Gründen komplett verzichtet. Um die benötigte Konstruktionsstärke zu erreichen, werden die Massivholzprofile die in beste Zimmermannstradition zusammengesetzt und verschraubt.

Erscheint in der Serie Architektur & Landwirtschaft

Tradition & Moderne unter einem Dach
Landkalender 2015,  Landwirt Agrarmedien, Graz

Architektur bogenfeld Architektur

Fotografie Simon Bauer / plan9.at

 

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